Jets-Fan Hannes Karl Wallner, 34 Jahre alt, spricht mit uns über das Schattendasein seiner Franchise. Und warum „The Wizard of Oz” in New Jersey als großer Hoffnungsträger gilt.

Eine provokante Frage gleich zu Beginn. Wieso unterstützt du die Jets?
Warum ich Fan der Jets geworden bin, frage ich mich selbst auch oft – vor allem nach peinlichen Niederlagen. Eines kann man wohl ausschließen: Erfolgsfan bin ich bei dem einem Superbowl-Titel der Jets aus dem Jahre 1968 (Superbowl III) wohl keiner. Während ich anfangs nur den Sport an sich spannend fand, hat sich das bei mir nach und nach so entwickelt. Beeinflusst hat mich am Beginn meiner Passivsport Football-‚Karriere‘ sicherlich eine meiner liebsten TV-Serien ‚King of Queens‘, deren Protagonist Doug Heffernan (wie Schauspieler Kevin James in real ja auch) glühender Fan der Jets ist.

Die Off-Season der Jets war von dem Trade Jamal Adams geprägt. Wie stehst du dazu?
Ich bin mit der Off-Season und mit dem Draft zufrieden wie lange nicht mehr – und das, obwohl mit Jamal Adams vor Kurzem der beste Spieler zu den Seahawks getradet wurde. Der im Juni 2019 verpflichtete GM Joe Douglas und sein Front-Office-Team leisten richtig gute Arbeit. Douglas hat sich durch harte Arbeit von ganzen unten in der Führungshierarchie nun nach oben gearbeitet und durfte 15 Jahre bei den Ravens von Ozzie Newsome lernen. Newsome hat es als Spieler in die ‚Hall of Fame’ geschafft und ist als GM wohl eine noch größere Legende (übrigens war er auch der allererste afroamerikanische GM der NFL-Geschichte). ‚The Wizard of Oz‘ (so Newsomes Spitzname) gibt heutzutage nicht mehr viele Interviews, aber als er auf Joe Douglas und seine Verpflichtung als GM der Jets angesprochen wurde, hat er ausführlich und nur in höchsten Tönen von ihm geschwärmt. Und diesen Vorschusslorbeeren wurde Douglas in seiner ersten Off-Season mehr als gerecht: Er hat sich in der Free Agency sowie im Draft  auf die größte Schwachstelle des Kaders konzentriert: die O-Line. Als Free Agents konnte er dabei u.a. den athletischen OT George Fant (von Seattle), OG Greg Van Roten (von Carolina) sowie den sehr unterschätzten Center Connor McGovern (von Denver) verpflichten. Dazu hat Douglas in der ersten Runde des Drafts mit OT Mekhi Becton ein wirklich vielversprechendes Talent gedraftet.

 

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I never call myself a GOAT, I leave that love to the people 🤫🤘🏾

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Die O-Line entwickelt sich zum neuen Herzstück des Teams…
Absolut. Mit diesen Verpflichtungen von (zumindest) vier neuen Startern für die O-Line blieb Douglas der bis heute gültigen American Football-Weisheit „The game is won in the trenches” treu. Und er zeigte damit ein klares Anforderungsprofil für neue Spieler: Fant, Van Roten, McGovern und Becton haben alle eine hohe Spielintelligenz und kassieren – und das ist wohl das Entscheidende – nur sehr wenige Strafen. Alle vier Spieler kombiniert hatten nur drei Strafen letzte Saison. McGovern war vergangene Saison einer von insgesamt nur zwei O-Linern, die über 1.000 Snaps gespielt und keine einzige Strafe kassiert haben (der andere war Patriots OG Joe Thuney) und Becton war überhaupt in 33 Spielen im College für keine einzige gelbe Flagge verantwortlich.

Deine Meinung zu Sam Darnold? Er dürfte von der neuen „Security” profitieren, oder?
Obwohl seine ersten beiden Saisonen in der NFL alles andere als ideal verlaufen sind, ist es verfrüht, Sam Darnold abzuschreiben. Ich bin davon überzeugt, dass er talentiert genug ist, um sich zu einem der besseren QBs in der Liga zu entwickeln.

Viele übersehen, wie jung Darnold ist: Heuer im Juni wurde er erst 23 Jahre und ist damit  fast ein halbes Jahr jünger als der diesjährige Nr.1 overall Draftpick Joe Burrow.

Natürlich lassen sich Darnolds inkonstanten Leistungen nicht allein durch sein Alter schönreden. Aber zumindest ist es kein Nachteil, dass er in einem Alter, in dem viele Rookies erst in die NFL kommen, bereits zwei Saisonen in der Liga hinter sich hat. Hinzu kommt, dass Darnold in seinen beiden  Jahren in der Liga schon einen Tausch des gesamten Trainerteams (und damit den Wechsel des Playbooks) mitgemacht hat und außerdem vorige Saison bei vollen 28 Prozent seiner Dropbacks (also Passversuche) unter Druck gesetzt wurde. Der schlechteste Wert in der NFL. Bei diesen Rahmenbedingungen wäre es für jeden QB schwierig gewesen, Erfolg zu haben. Zumindest an der O-Line wurde diese Off-Season gearbeitet. Jetzt liegt es an Darnold selbst, den nächsten Schritt in seiner Entwicklung zu machen. Den Arbeitseifer und das Talent dazu hat er allemal.

Laut NFL Experten war der Draft der Jets sehr erfolgreich, wie siehst du das?
Davon bin ich überzeugt. Mit WR Denzel Mims in Runde 2 und Safety Ashtyn Davis in Runde 3 wurden zwei Spieler geholt, die nicht wenige Experten vor dem Draft in der ersten Runde gesehen habe. Und selbst für die Special Teams-Abteilung hat Douglas in Runde 6 mit Braden Mann einer der besten College-Punter der letzten Jahre verpflichten können („Punters Are People Too!“). Natürlich muss man als Fan gerade bei Rookies aufpassen, nicht zu euphorisch zu werden und zu viel von ihnen zu erwarten – frei nach Bill Parcells: „Don’t put him in Canton just yet.’’ – aber zumindest ist bei allen Verpflichtungen dieser Off-Season einen klarer Trend erkennbar: Und das ist für Jets schon ein guter, erster Schritt im Rebuild.

Wo siehst du die Stärken/Schwächen der Jets?
Sucht man im Kader der Jets nach echten Stärken, muss man schon recht genau hinschauen. Neben der komplett überarbeiteten O-Line, die sich meines Erachtens diese Saison von einer echten Schwäche zu einer der Stärken entwickeln wird, haben die Jets auch eine recht passable DL.

Stärken:

  • Quinnen Williams hat – trotz einer recht unauffälligen Rookie-Saison – genügend Talent, zu den besten DE/DT der Liga zu werden.
  • NT Steve McLendon ist mit seinen 34 Jahren zwar schon etwas älter, aber hat – nicht zuletzt aufgrund seiner über allen Zweifel erhabenen ‚work ethic‘ – trotzdem innerhalb der Liga und seiner Teamkollegen einen hohen Stellenwert.
  • In der Secondary fehlen bei den Jets zwar gute CBs, aber bei den Safeties gibt es – auch nach dem Trade von Jamal Adams zu Seattle – mit Marcus Maye, Rookie Ashtyn Davis und Bradley McDougald drei sehr solide Spieler. Vor allem Maye ist es durchaus zuzutrauen, heuer aus dem bisherigen Schatten J. Adams hervorzutreten.
  • Le’Veon Bell hatte zwar eine relativ schlechte Saison – auch er hatte mit der fürchterlich schlechten O-Line zu kämpfen (nur 1,63 yards before contact) – aber generell gehört er sicher auch derzeit noch zu den zehn besten RBs der Liga.

Schwächen:

  • In der WR-Group fehlen echte Stars. Trotzdem: Im Slot haben wir mit Jamison Crowder einen Spieler, der durchaus in der Lage dazu ist, 80+ Pässe pro Saison zu fangen. Auf der Outside wurde zwar WR Robby Anderson an die Panthers verloren, aber dafür mit Breshad Perriman jemand geholt, der in der Vergangenheit (bei den Ravens und Browns) zwar schon mehrfach als ‚Bust‘ bezeichnet wurde, aber in der Vorsaison bei den Buccaneers durchaus vereinzelt  für Glanzpunkte sorgen konnte (die letzten drei Saisonspiele mit jeweils 100+ Yards).
  • Das größte Loch im Kader: OLB bzw. Edge Rusher: Dort hat man mit Jordan Jenkins nur einen einzigen soliden Spieler. Dort bestünde wohl der größte Handlungsbedarf; als Fan träumt man natürlich davon, dass man diese Lücke mit Spielern wie Yannick Ngakoue (Jaguars) oder Jadeveon Clowney (Free Agent) schließen könnte…

Ein kurzer Ausblick für die AFC East. Haben die Jets eine Chance auf die Playoffs?
Als Fan hofft man natürlich immer auf eine ‚Cinderella-Story‘. Realistisch gesehen machen sich den Sieg in der AFC East dieses Jahr die verbesserten Bills sowie – wie immer, auch nach dem Weggang Tom Bradys – die Patriots untereinander aus. Sowohl die Jets als auch die Dolphins befinden sich im Rebuild. Für die Zukunft kann man sowohl für die Jets als auch für die Dolphins (Tua Tagovailoa!) durchaus große Hoffnungen haben, die AFC East endlich wieder spannender zu gestalten, aber für die kommende Saison weist dort alles auf eine Zweiklassengesellschaft hin.

Dein Superbowl Tipp (Teams)?
Kansas City Chiefs vs. Dallas Cowboys (Sieg der Chiefs)

Eine Runde “über/unter”:
Sam Darnold über/unter 4.000 Passing Yards? A: Unter
Le’Veon Bell über/unter 1500 Total Yards (Rushing & Receiving)?  A: Über
Denzel Mims als Rookie über/unter 1000 Revieving Yards? A: Unter
Adam Gase über/unter 10 Spiele als Head Coach der Jets 2020? A: Über

Hier einfach Sieg/Unentschieden/Niederlage tippen:
Spieltag 1: Bills – Jets / Niederlage
Spieltag 2: Jets – 49ers / Niederlage
Spieltag 3: Colts – Jets / Niederlage
Spieltag 4: Jets – Broncos / Sieg
Spieltag 5: Jets – Cardinals / Niederlage
Spieltag 6: Chargers – Jets / Sieg
Spieltag 7: Jets – Bills / Sieg
Spieltag 8: Chiefs – Jets / Niederlage
Spieltag 9: Jets – Patriots / Sieg
Spieltag 10: Dolphins – Jets/ Niederlage
Spieltag 12: Jets – Dolphins / Sieg
Spieltag 13: Jets – Raiders / Sieg
Spieltag 14: Seahawks – Jets / Niederlage
Spieltag 15: Rams – Jets / Niederlage
Spieltag 16: Jets – Browns / Sieg
Spieltag 17: Patriots – Jets / Niederlage

Bilanz: 7-9

Zum Abschluss noch eine ‚bold prediction‘ für die kommende NFL-Saison?
Miles Sanders, der hochbegabte, junge RB der Eagles, wird sich kommende Saison in das Top-Tier der RB-Rankings hochspielen.