Dutzende Spieler auf der Corona-Liste, ein Wide Receiver als Not-Quarterback und etliche Verschiebungen: Die NFL will ihre Saison unter allen Umständen durchdrücken.


Vor einem Monat hielt sich Kendall Hinton noch als Spendensammler über Wasser. Doch seinen Job musste der 23 Jahre alte Wide Receiver für einen kurzen Abstecher aufgeben, um am Sonntagabend spontan für die Denver Broncos einzuspringen. Als Quarterback. Als Debütant in der stärksten Football-Liga der Welt.
„Es waren die ereignisreichsten 24 Stunden meines Lebens”, sagte Hinton nach seinem einmaligen Abenteuer sichtlich geschafft. Zuletzt hatte er vor drei Jahren einen Pass im College geworfen, nun sollte er ohne Vorbereitung ein NFL-Team anführen. „Ein, zwei Tage mehr Training hätten sicher geholfen”, sagte der Rookie nach dem deutlichen 3:31 gegen die New Orleans Saints.

Broncos Playbook passt auf A4-Zettel
Einen Pass für 13 Yards bei neun Versuchen brachte Hinton an den Mitspieler, er warf zudem zwei Interceptions. Das ergab ein Passer-Rating von 0,0 – was ihm aber niemand übel nahm. „Er hat alles versucht. Es war eine große, große Bitte und es hat einfach nicht funktioniert”, sagte Broncos Head Coach Vic Fangio.
Wie kam es zu dieser einzigartigen Kuriosität? Die vier Stamm-Quarterbacks der Broncos mussten alle in Isolation. Der positiv getestete Spielmacher Jeff Driskel hatte engen Kontakt zu Drew Lock, Brett Rypien und Blake Bortles – nach einem Videostudium ohne Maske.

Und so musste Hinton in kürzester Zeit „20 bis 30 Spielzüge” auswendig lernen, etwa ein Zehntel des üblichen Playbooks. Eine Anfrage der Broncos, Assistenztrainer Rob Calabrese zum Quarterback zu machen, lehnte die Liga laut ESPN ab.

Auch die Bitte um eine Spielverschiebung war nicht von Erfolg gekrönt – wohl um Härte im Umgang mit den Corona-Regeln zu zeigen. Denn den Broncos droht zusätzlich eine Geldstrafe; die Saints und Las Vegas Raiders hatten zuletzt schon eine halbe Million Dollar an die Liga für Verstöße gegen die Hygienevorschriften zahlen müssen.

Lokale „Bubbles” als letzte Hoffnung?
Nicht nur im ganzen Land, auch bei den 32 Teams steigen die Coronafälle scheinbar unaufhaltsam an. Bei den Baltimore Ravens stehen 20 Spieler auf der COVID-19-Liste, darunter Quarterback Lamar Jackson, wertvollster Spieler der vergangenen Saison. Das Topspiel gegen die Pittsburgh Steelers zur Primetime an Thanksgiving musste verlegt werden, erst auf Sonntag, nun auf Dienstag. Der Terminplan ist eng, weitere Verschiebungen würden die Lage zusätzlich verkomplizieren. Die San Francisco 49ers müssen sich um ein weiteres Problem kümmern: Da die lokalen Behörden ein Verbot für die Ausübung von Kontaktsportarten aussprachen, stehen die Kalifornier derzeit noch ohne Stadion für ihre Heimspiele da.

Im Januar sollen die Play-offs über die Bühne gehen, die NFL denkt mittlerweile über „lokale Bubbles” nach. Das würde bedeuten: Isolation aller Beteiligten in Hotels, Reduktion der Kontakte auf ein Minimum. Falls Spiele in den nächsten Wochen tatsächlich nicht stattfinden können, steht eine Aufstockung der Play-offs von 14 auf 16 Teams im Raum. Hauptsache, die Saison wird zu Ende gespielt.

(c) SID