Es war die Szene des 10. Spieltages: Zwei Sekunden Restzeit auf der Uhr. Shotgun Formation der Arizona Cardinals. Scramble von QB Kyler Murray nach links. Keine ideale Position für einen Rechtshänder, um einen Deep Ball anzubringen. Die Buffalo Bills führten zu diesem Zeitpunkt mit 30-26, nachdem Stefon Diggs, der mit 906 Receiving Yards die WR Bestenliste in diesem Jahr anführt, kurz vor Schluss einen Pass in der Endzone sicherte. Die Niederlage der Cardinals schien besiegelt zu sein. Selbst als es Murrays Wurf bis in die Endzone schaffte, glaubten wohl die wenigsten Fans und Experten an einen positiven Ausgang. Doch WR-Superstar DeAndre Hopkins pflückte den Ball mitten in einer Triple Coverage. Sieg Cardinals (32-30) – und das durch eine „Hail Mary”. Oder doch „Hail Murray”? Das Team von Head Coach Kliff Kingsbury übernimmt damit in der NFC West die Tabellenführung (6-3). Für die Bills geht es mit einer Bilanz von 7-3 in die Bye Week.

Teams der Stunde: Dolphins und Steelers
Bei den Miami Dolphins (6-3) gegen die LA Chargers (2-7) kam es zum Rookie-Duell zwischen Tua Tagovailoa und Justin Herbert. Beide Quarterbacks konnten mit einer soliden Leistung überzeugen, wobei Tua einen kompakteren Eindruck hinterließ. Der Ausfall von Pass Rusher Joey Bosa bei den Chargers erleichterte dem 5th-Overall-Pick von 2020 seine Tätigkeiten in der Pocket. Bei den Dolphins war es RB Salvon Ahmed, der sich mit 85 Rushing Yards und einem Touchdown für höhere Aufgaben empfahl. Der Undrafted Rookie wirbelt trotz körperlichen Defiziten die Defense der Chargers kräftig durcheinander. WR Keenan Allen blieb mit 3 Receptions für 39 Yards recht farblos. Endstand: 29-21 für die Dolphins, die ihren fünften Sieg in Folge einfuhren.

Weiter ungeschlagen bleiben die Pittsburgh Steelers (9-0). Der Division-Rivale, die Cincinnati Bengals (2-6-1), war von Beginn weg hellauf überfordert. Die nicht zu Unrecht als Top-3 geführte Defense der Steelers fabrizierte stetig Druck und 6 Quarterback Sacks. Zwei davon gehen auf das Konto von OLB T.J. Watt, der seit Beginn seiner Karriere im Jahr 2017 bei insgesamt 43,5 Sacks steht. Rang 1 in der Bestenliste auf der Position des Linebackers. Auch die Offense zeigte beim 36-10 Triumph den Bengals in der Defense rasch ihre Grenzen auf. Die hohe Dichte der WR-Group mit Diontae Johnson (6 Receptions für 116 Yards, ein TD), JuJu Smith-Schuster (9 Receptions für 77 Yards, ein TD) und Rookie Chase Claypool (4 Receptions für 56 Yards, zwei TD) bot QB Ben Roethlisberger (333 Passing-Yards, 4 Touchdowns) unzählige Möglichkeiten, um das Feld vertikal sowie horizontal zu attackieren. Für die Steelers war es der zehnte Erfolg in Folge gegen den Division-Rivalen.

Wilson verabschiedet sich vom MVP-Status
Der 23-16 Sieg der LA Rams (6-3) über die Seattle Seahawks (6-3) machte deutlich, dass es sich in der NFC West um die ausgeglichenste Division in der NFL handelt. Mit DK Metcalf traf dabei der Nr. 1 Wide Receiver bei den Vertical-Routes auf Jalen Ramsey, einen der besten Cornerbacks der Liga. Mehr als zwei magere Receptions für 28 Yards sollte Metcalf nicht verbuchen. Russell Wilsons Statistik fiel nicht besser aus: 0 Touchdowns, 2 Interceptions, die beide durch Rams-CB Darious Williams erzwungen wurden. In der Offense der „Hawks” lief kaum etwas zusammen, die MVP-Ambitionen von Wilson erlitten einen herben Rückschlag. Das Playoff-Rennen spitzt sich weiter zu.

The G.O.A.T. is back – aber sowas von! Nach der Watschn gegen die Saints in der Vorwoche hat Tom Brady gegen die Carolina Panthers (3-7) zurückgeschlagen. Neben 341 Yards und 3 Touchdowns gab es für den 43-jährigen zusätzlich einen QB Sneak in die Endzone. Die Panthers hatten nicht den Funken einer Chance, obwohl das Spiel für Teddy Bridgewater gut begonnen hatte. Eine hohe Completion-Rate und zwei Touchdowns durch TE Colin Thompson und WR D.J. Moore im ersten Viertel machten Hoffnung auf mehr.

Die individuelle Klasse der Tampa Bay Buccaneers (7-3) setzte sich schlussendlich durch. Immer mehr Bälle erhält auch Antonio Brown, der 7 Receptions für 69 Yards Raumgewinn nutzte. Die starkbesetzte WR-Group wurde dennoch überschattet. Running Back Ronald Jones II erlief 192 Rushing-Yards. Einer davon war ein 98 Yards Lauf bis tief in die Endzone der Panthers. Brady beendete den Abend mit 39 Passversuchen, 28 fanden ins Ziel. Die Statistik könnte noch weit besser sein, der 6-fache Super Bowl Champion ließ bei einigen Deep Balls Genauigkeit vermissen. Der 46-23 Sieg über die Panthers dürfte darüber hinweg trösten. Für Head Coach Matt Rhule der Carolina Panthers war es die fünfte Niederlage in Folge.

An Niederlagen gewöhnt haben sich bereits die Houston Texans (2-7), die in einem punktearmen Spiel gegen die Cleveland Browns (6-3) ein knappe 7-10 Niederlage einstecken mussten. Der Schlüssel zum Erfolg war das starke RB-Duo Kareem Hunt und Nick Chubb, der nach überstandener Knieverletzung wieder ins Lineup zurückkehrte. Zusammen erzielte das Tandem 230 Rushing Yards. Eigentlich sollten es 231 Yards sein. Das eine Yard passte aber nicht in den Gameplan:

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Green Bay Packers vs. Jacksonville Jaguars (24-20)
Holpriger Start der Packers (drittbeste Offense der Liga) gegen die Jaguars (drittschlechteste Defense der Liga). Statt einem 9. Spiel in Folge mit Punkten im Opening Drive gab es für die Packers ein 3-and-Out – und das drei Mal hintereinander. Die Jacksonville-Defense bereitete Aaron Rodgers und seiner Offense Kopfzerbrechen. Die Jaguars gingen am Lambeau Field mit einem Field Goal durch Chase McLaughlin in Führung, dem 6. Kicker der Jaguars in dieser Saison (NFL-Rekord). Der vierte Ballbesitz der Packers hatte es jedoch in sich: Eine 78-Yards Wurf von Rodgers auf Marquez Valdes-Scantling zum Touchdown. Die Antwort der Jaguars kurze Zeit später? Ein 90-Yard Punt Return von Keelan Cole. Dass die Packers dennoch mit einer Führung in die Pause gingen, lag an den beiden Quarterbacks. Rodgers lief zum 14-10 selbst in die Endzone. Rookie Jake Luton warf eine Interception, weil sein TE Tyler Eifert ausrutschte. Kicker Mason Crosby verwandelte das folgende Field Goal zum 17-10 Pausenstand.

Auch der zweite Abschnitt startete mit einer Seltenheit der Packers, einem Turnover. Fumble von Davante Adams. Luton nutzte den Ballgewinn mit einem Touchdown-Pass auf Keelan Cole. Die Packers bissen sich danach weiterhin die Zähne an der physisch starken Jags-Defense aus. Gegen Ende des dritten Drittels warf Rodgers dann die dritte Interception in dieser Saison. McLaughlin verwandelte danach sein zweites Field Goal des Tages zur 20-17 Führung. Was dann seitens der Packers folgte, war pure Magie zwischen Rodgers und Adams. Der Packers-WR, beim Fumble zuvor am Knöchel verletzt, ließ seine Basketballwurzeln aufblitzen und schraubte sich zu seinem 9. Touchdown der laufenden Saison hoch.

Am Spielstand von 24-20 änderte sich  nichts mehr, weil die Packers Defense zumindest gegen Ende des Spiels ihren Job erledigte. Green Bay kommt mit einem blauen Auge davon und steht bei 7-2. Die Jaguars verlieren das 8. Spiel in Folge und machen den New York Jets weiterhin Konkurrenz um den 1st Overall Pick 2021.

Detroit Lions vs. Washington Football Team (30-27)
Der Award für den „Comeback Player of the Year” kann heuer nur an einen gehen: QB Alex Smith. Smith stand 728 Tage nach seinem grauenhaften Beinbruch (inklusive Lebensgefahr und mehrmaligen Befürchtungen um eine Beinamputation und ein vorzeitiges Karriereende) wieder als Starting Quarterback auf dem Footballfeld. Mit Erfolg, auch wenn es nicht für einen Sieg reichte. Smith hatte gegen die Lions 55 Passing Attemps, brachte 28 davon für 390 Yards an den Mann – alle drei Werte Bestleistungen in Smith’ Karriere. Ein Sieg als Krönung des Comebacks blieb Smith jedoch knapp verwehrt. Mitte des dritten Viertel lagen die Lions (u.a. dank 3 Touchdowns von Matthew Stafford) bereits mit 24-3 in Front, ehe das Washington Football Team eine beinahe grandiose Aufholjagd startete. 21 Sekunden vor dem Ende glich Kicker Dustin Hopkins die Partie zum 27-27 aus. Stafford nutzte die verbliebenen Sekunden, um seinen Kicker Matt Prater nahe genug an die Washington-Endzone zu bringen. Praters Field Goal aus 59 Yards brachte mit dem Auslaufen der Uhr den 30-27 Sieg für Detroit. Deren Head Coach Matt Patricia bekommt mit dem vierten Saisonsieg zumindest eine weitere Woche Schonfrist. Das Comeback von Alex Smith wird trotz der Niederlage in die NFL-Geschichtsbücher eingehen.