Mit einem überzeugenden 41-16 Sieg über die Dallas Cowboys übernimmt das Washington Football Team am 12. Spieltag – vorerst – die Führung in der NFC East. Überragender Mann im späteren der beiden Spiele an Thanksgiving war Washingtons Rookie-RB Antonio Gibson (25 Touches für 136 Total Yards und 3 Touchdowns). Für das Team von Head Coach Ron Rivera war es der vierte Saisonsieg. Die Bilanz von 4-7 reicht trotzdem, um die Tabelle in der schwächelnden NFC East anzuführen. Schafft es das Washington Football Team tatsächlich in die Playoffs?


Eigentlich befindet sich das Washington Football Team im völligen Umbruch. Selbst der Name der Franchise blieb von dem Rebuild nicht verschont. Die Saison 2019 endete für die ehemaligen Washington Redskins desaströs. HC Jay Gruden wurde nach einem 0-5 Start entlassen. Die Bilanz von Interims-Coach Bill Callahan war mit 3-8 nicht viel besser. Am Ende der Saison stand ein Record von 3-13 und der letzte Platz in der NFC East. Als Dank dafür gab es den zweiten Overall Pick im Draft 2020. In der Off-Season wurden Präsident Bruce Allen und weitere Mitarbeiter vom Eigentümer Daniel Snyder entlassen.

Reisende sollte man nicht aufhalten
Das sportliche Kommando übernahm der ehemalige Panthers-HC Ron Rivera. Ausgestattet mit einem Fünfjahresvertrag und dem Wissen, dass der Rebuild in Washington mehrere Jahre dauern wird. LT Trent Williams, einer der wenigen Cornerstones des Teams, setzte bereits die gesamte Saison 2019 aus und wollte das Team vor der Saison 2020 erneut verlassen. Der 7-fache Pro Bowler wurde schließlich zu den 49ers getradet. RB-Veteran Adrian Peterson verließ das Team kurz vor Saisonbeginn und heuerte bei den Detroit Lions an.

Wenig begeistert war Rivera außerdem, dass trotz schlechter Bilanz 2019 nicht wie gewünscht Kapital aus dem folgenden Draft geschlagen werden konnte. Kein 2nd-Rounder, dadurch nur 2 Picks in den Top 100 des Drafts.

“I think that’s going to be a burden, just because of where that second round pick was too. That’s the hard part, you wish you had all your picks.” Ron Rivera vor dem Draft 2020.

Rivera gelang es dennoch, das Team zumindest stellenweise sofort zu verbessern. DE Chase Young, 2nd Overall Pick, galt für viele Experten als bester Spieler der gesamten Draft Class. Der ehemalige Ohio State Buckeye ist ein absolutes Pass Rush Monster und sofort in der NFL angekommen. RB Antonio Gibson, 3rd Round Pick aus Memphis, wurde von Rivera ein ähnliches Skill-Set wie seinem ehemaligen Schützling Christian McCaffrey nachgesagt. Rivera hat nicht zu viel versprochen. Gibson steht nach 11 Spielen bei 878 Total Yards und 11 Touchdowns (Bestwert aller Rookie Running Backs). Die Begegnung gegen die Cowboys zu Thanksgiving wurde zu seinem Breakout Game.

Quarterback-Position als größtes Fragezeichen
Die wahrscheinlich größte Baustelle des Washington Football Teams ist die Quarterback-Position. Dwayne Haskins, 15th Overall Pick 2019, löst bei Rivera wenig Begeisterung aus. Rivera ließ erst kürzlich verlautbaren, dass Joe Burrow auf jeden Fall sein Pick gewesen wäre, hätten die Cincinnati Bengals Chase Young gedraftet. Haskins wurde von Jay Gruden, obwohl nicht NFL-ready, 2019 zu früh ins kalte Wasser geworfen und konnte nicht überzeugen. Deshalb nahm Rivera QB Kyle Allen aus Carolina mit, der 2019 nach der Verletzung von Cam Newton sein Starter bei den Panthers war. Begonnen hat die Saison trotzdem Dwayne Haskins, konnte das Vertrauen jedoch nicht rechtfertigen. Haskins wurde nach vier Runden nicht nur gebencht, sondern gleich zum 3rd-Stringer degradiert. Kyle Allen übernahm, zog sich am 9. Spieltag aber eine grauenvolle Knöchelverletzung zu und fällt seither aus. Damit wurde Alex Smith nach langer Leidenszeit zum Starter befördert. Smith ist damit auf jeden Fall im Gespräch für den „Comeback Player of the Year”, aber sicherlich keine langfristige Lösung. Rivera und sein Staff wollen Smith laut NFL Insidern auch 2021 beim Washington Football Team sehen. Nicht nur aufgrund seiner Wichtigkeit für den Locker Room.

Riveras Vision wird zur Wirklichkeit
Neben dem Umbau des Spielerkaders hat für Rivera vor allem eine Priorität: Die Mentalität seiner Spieler und der Spirit innerhalb der gesamten Organisation. Abwanderungswillige Spieler wie Trent Williams oder Quinton Dunbar wurden abgegeben, WR Cody Latimer nach einer Verhaftung entlassen. Um seine Kultur in der Mannschaft zu etablieren baut Rivera auf Leader wie Smith oder LB Thomas Davis, mit dem er ebenfalls in Carolina zusammenarbeitete. Dennoch scheut sich Rivera nicht, jungen Spielern eine Chance zu geben. Die danken ihm das Vertrauen mit Leistung und bedingungslosem Einsatz. So wie 2nd-Year WR Terry McLaurin mit seinem „Metcalf-Tackle” gegen die Cowboys.

McLaurin ist neben RB Gibson der große Lichtblick in der Washington-Offense. Washingtons 3rd Round Pick 2019 kann nach einer vielversprechenden Rookie-Saison heuer erneut überzeugen. Er zählt mit 69 Receptions und 963 Receiving Yards nach 11 Spielen (3 Touchdowns) zu den absolut besten WR der Liga. Ebenfalls zur NFL-Elite gehört Washingtons D-Line. Dort stehen mit Chase Young, Montez Sweat, Jonathan Allen und Daron Payne vier ehemalige 1st-Rounder. Die LB John Bostic und Cole Holcomb sind dahinter solide Tackler. Washingtons Secondary lässt momentan die wenigsten Passing Yards der Liga zu.

Trotz vieler Baustellen hat der Kader seine Qualitäten. Der Rebuild in Washington könnte also deutlich schneller vorangehen, als zu Beginn der Saison angenommen. Auf Riveras Team warten in den verbleibenden fünf Runden der Regular Season zu Hause die Pittsburgh Steelers und San Francisco 49ers, bevor es auswärts zu den Seattle Seahawks und Carolina Panthers geht. Am letzten Spieltag trifft Washington am heimischen FedEx Field auf die Philadelphia Eagles – eventuell das entscheidende Spiel um den Titel in der NFC East und die Playoffs.